Gedanken über das Wandern II

„Die Essenz des Wanderns ist, dass es sich um eine Tätigkeit am Maßstab des eigenen Leibes handelt.“ (Norbert Richter)

Sätze wie dieser von Norbert Richter brachten mich immer an den Rand meines kognitiven Verstehens dessen, worüber bzw. wovon Richter schreibt. Ich habe ihn oft einfach nicht verstanden. Zum einen wegen seiner Begriffe und Sprache, die er als geschulter Philosoph nutzt, zum anderen hatte ich aber immer wieder den Eindruck, es sei zu hoch für mich. Ist es das aber wirklich? Ich versuche hier ein weiteres Mal über mein Wandern nachzudenken, ausgehend von diesem interessanten Satz Richters.

Die Essenz des Wanderns. Davon auszugehen, dass es so etwas wie die Essenz des Wanderns gibt, bedeutet, dass Wandern als Tätigkeit universell ist, denn sonst könnte es keine Essenz dieser Tätigkeit geben. Ich denke allerdings, dass es eine solche Essenz des Wanderns, diesen Kern, der alles Wandern ausmacht nicht gibt. Sicher, wir können sagen, Wandern ist das Gehen über XY Kilometer hinaus oder Wandern ist das Gehen in einer bisher unbekannten Landschaft oder ähnliches. Mir ist klar, dass Richter gar nicht davon ausgeht, sondern es subjektiv wendet, wenn er etwas später davon schreibt, dass das Wandern für ihn „ein persönlicher Dialog mit dem Raum und der räumlich organisierten Welt [ist].“ Doch ließ mich dieser erste Teil des oben zitierten Satzes nicht los, denn er steckt für mich voller Implikationen. 

Richter geht also davon, dass das Wandern eine universale Essenz besitzt, dass ein Wesen des Wanderns existiere. Diese Essenz ist eine Tätigkeit, lässt er uns wissen. Offen bleibt dabei allerdings, welcher Art diese Tätigkeit ist. Der Maßstab sei aber der eigene Leib.

Ein Maßstab des eigenen Leibes. Dieser Satz hallte in mir nach, denn ich fand ihn besonders spannend. Ich fragte mich, gibt es noch eine Tätigkeit, die sich an meinem Leib messen lässt bzw. bei der mein Leib, der Maßstab ist? Stimme man dem Satz von Richter zu, müsste Wandern die einzige solche Tätigkeit sein, sonst könnte dieses Verhältnis nicht der Kern des Wanderns sein. Das wirft für mich die Frage auf, was bedeutet es, wenn der Maßstab der eigene Körper ist? Ein Maßstab, nicht materiell begriffen, beschreibt ein Verhältnis zwischen zwei Dingen, also zwischen Realität und Abbildung, aber auch im Sinne sozialer Normen für das Verhältnis von gesellschaftlicher Erwartung und individuellem Verhalten. Die Frage ist also, was wird für was herangezogen. Und: Es handelt sich anscheinend immer um einen Vergleich. 

Die besagte Tätigkeit muss also in einem Verhältnis zu unserem Körper stehen und der Körper ist das, woran die Tätigkeit gemessen wird, nicht andersherum. 

Nach meinem Selbstgespräch verstehe ich den Satz „Die Essenz des Wanderns ist, dass es sich um eine Tätigkeit am Maßstab des eigenen Leibes handelt.“ etwas besser, aber die Frage, ob es nicht noch andere Tätigkeiten gibt, die sich an meinem Körper messen lassen müssen, ist mir noch nicht klar. 

Mir fiel das Kämpfen ein, doch scheidet es meiner Meinung nach aus, da hier der Maßstab auch der Körper des Anderen ist und nicht ausschließlich der Eigene. Ähnlich verhält es sich mit Tätigkeiten, die Hilfsmittel benötigen wie kochen, Fahrradfahren und so weiter. Sicher, Schuhe benötigt man zum Wandern, aber nicht zwangsläufig. Insofern ist Richter zuzustimmen – vergesse oder übersehe ich etwas? In den Kommentaren können wir dazu gern ins Gespräch kommen. 

Ein letzter Gedanke, der sich mir zu diesem Satz aber noch aufdrängt ist: Inwieweit unterscheiden sich dann Gehen und Wandern? Ist es der schon erwähnte Dialog? Der Zweck, mit der Landschaft in Resonanz zu gehen und das Gehen nicht nur als Mittel einzusetzen? Über diese Fragen werde ich wohl weiter nachdenken müssen. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.