Was ich bei einem MegaMarsch alles lernte

Gestern bin ich zum ersten Mal einen sogenannten MegaMarsch mitgelaufen. Zugegeben: Es war ein kleiner, denn wir sollten in maximal zwölf Stunden 50 Kilometer wandern. Da ich selbst schon 40 Kilometer gewandert war, dachte ich mir: Das schaffe ich locker und so lerne ich die Umgebung von Hannover noch einmal neu kennen. Gesagt getan. Gegen 9:30Uhr lief ich also los und nach 15 Kilometern wusste ich schon, warum dies keine Veranstaltung für mich war. Nach 32 Kilometern musste ich mich abholen lassen, da sich ein Zehnagel schmerzhaft ablöste und mir die Sanitäter rieten, eher nicht weiter zu laufen. Für mich war das ein willkommener Anlass aufzuhören.

Ich habe aus diesem Event einiges gelernt. Unter anderem, dass ich Wandern unter Zeitdruck einfach blöd finde. Ich versuchte zwar zwischendurch immer wieder die Wolken zu beobachten, Vögel zu erkennen, Bäume und Pflanzen am Wegesrand wahrzunehmen und zu überlegen, wie ich sie einordnen kann und was sie mir sagen. Doch dann sitzte mir wieder die Zeit im Nacken bzw. im Kopf. Außerdem lief ich fast die ganze Zeit in einer Kolonne – vor und hinter mir waren viele Menschen. Ich kam schnell zu der Erkenntnis, dass diese Art der Veranstaltung wirklich nichts für mich ist. Schade eigentlich, denn es schien mir, als ob sehr viele der anderen Teilnehmenden wirklich Spaß hatten. 

Darüber hinaus habe ich noch gelernt, dass es mir zwar nichts ausmacht, einem ausgeschilderten Weg zu folgen, doch wäre ich öfter gerne abgebogen. Die Strecke führte mich allzuoft über Radwege, Asphalt, Straßen, Gehwege – ich sehnte mich nach Waldboden oder Wiesen, hauptsache Abwechslung für die Füße. Die Umgebung Hannovers konnte ich so nur unzureichend erkunden. Allerdings konnte ich sehen, wie im Umland Reihenhäuser gebaut wurden und, dass die für mich schönen Häuser immer von Menschen mit viel Geld bewohnt wurden; zumindest nach der Art ihrer Autos und dem Gesamteindruck des Grundstückes, zu urteilen. Gentrifizierung und Verdrängung findet sich nicht nur in der Stadt, sondern ebenso auf dem Land, nur ist der Fokus der Diskussion dazu, immer auf die Städte gerichtet. Das Land ist auch hier Peripherie. 

Die anderen Teilnehmenden waren ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Sie kamen augenscheinlich mit unterschiedlichen Interessen und Zielen. Sportliche Menschen, die die Strecke möglichst schnell bewältigen wollten und dies als sportliche Herausforderung sahen. Dann gab es da noch Gruppen von Freunden, die mit Musik, Getränken und Plauderei zwar ebenfalls den Weg schaffen wollten, bei denen aber die Geselligkeit im Vordergrund stand. Es gab Paare, die diesen Weg zusammengingen und viele Einzelne, wie mich auch, von deren Motiven ich aber wenig mitbekam. Alle stellten sich der Herausforderung, von recht jung bis wirklich alt. Das hat mir gefallen. 

Aus meinen Beobachtungen habe ich aber noch andere Schlüsse gezogen: Events wie diese sind sehr beliebt, man gibt Geld aus, um einen Weg vorgeschrieben zu bekommen und unterwegs versorgt zu werden. Das klingt für mich seltsam. Will ich wandern suche ich mir einen möglichst schönen Weg, schmiere mir Brote und stecke Nüsse und Wasser ein. Das mache ich auch mit Freunden. Wozu also ein solches Event? Brauchen wir diese Art von Herausforderungen, bei denen am Ende ein Urkunde winkt und ich Fotos von mir posten kann? Braucht es am Ende einen Beweis für die Erfahrung? Das ist mir noch ein Rätsel, wenn jemand Ideen dazu hat, freue ich mich über entsprechende Kommentare. 

Am Ende war das Aufhören für mich dennoch eine Überwindung. Obwohl mir klar war, dass ich den Weg schon länger nicht mehr genieße, hätte ich den Weg gerne beendet. Körperlich wäre es erst auf den letzten 10 Kilometern wirklich hart, mental hingegen kein Problem geworden. Doch – und darauf bin ich etwas Stolz – war die Abwägung und mein Entschluss für mich ein Gewinn: Ich muss mich nicht immer durchbeißen. Ich habe meine Erfahrung gemacht und kann nun an diesen wachsen. 

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