Beobachtungen von innen nach außen

Wenn ich wandere, mich draußen in der Natur bewege verfolge ich keine Ziele im Sinne von Achievements bzw. Erfolg, meine Ziele sind vielmehr das Erleben der Landschaft. Ich möchte hören, sehen, riechen. An meinem Schreibtisch, an dem ich diese Zeilen schreibe, habe ich das alles nicht. Sehe ich aus dem Fenster, sehe ich die obersten Zweige einer Sommerlinde und das Dach des gegenüberliegenden Hauses; durch dieselben Fenster dringt Straßenlärm. Für Hintergrundrauschen sorgt die Gasetagenheizung in der Küche. Ich vermisse es, draußen zu sein. Obwohl ich die letzte Nacht in meinem Schlafsack unter einem Tarp im Garten von Freunden verbrachte – die Frösche waren so laut, dass ich kaum schlafen konnte und Vögel hörte ich auch die ganze Zeit. Dennoch fühlte ich mich am morgen erfrischter als nach vielen normalen Nächten zu Hause. 

Zu gewissen Teilen ist es bestimmt eine Flucht aus dem Alltag. Gleichzeitig weigere ich mich nach draußen zu gehen, nur um meine Batterien aufzuladen, Landschaft, Flora, Fauna sollen keiner Funktionslogik unterworfen werden. Mir ist klar, dass auch ich diesen Effekt verspüre, doch diese erholenden Elemente sind nicht die Triebfeder meines Draußenseins. Außerhalb meiner Wohnung spüre ich einen größeren Freiraum zum Atmen, ich entziehe mich damit auch den schnellen Vergnügungen wie YouTube, Filmeschauen oder Snacken – jedes Mal merke ich, wie gut mir das tut, physisch und psychisch. Draußen sehe ich so viele interessante Dinge, die mir noch unbekannt sind: bestimmte Wolkenformationen, Pflanzen, Bäume, Sträucher, Pilze, Wege, Vögel, Insekten. Es ist eine große Neugier in mir. 

Rauszugehen und zu schauen, was es da wohl zu sehen gibt, befreit mich außerdem von dem Gefühl so viel wie möglich kontrollieren zu wollen. Ich muss nicht jedes Detail planen, es ist nicht notwendig. Das Sein drängt in den Vordergrund, ohne Ansprüche, ohne Erwartungen.

Ist das Sinnliche in mir befriedigt oder versorgt, denke ich darüber nach, was es am Wegesrand so alles zu sehen gibt. Oft ist, neben der Landschaft, Müll zu sehen. Spuren von menschlicher Existenz. In einer Umverpackung eines Schokoriegels ist die Geschichte der menschlichen Entwicklung gleichsam konzentriert: Die Entstehung des modernen Kapitalismus, dessen Vorbedingungen, der Zugang zu Erdöl, die Erfindung und Weiterentwicklung von Plastik, die Konflikte, die Menschen dafür vom Zaun brachen – mittelbar auch alle Ideologien und Rationalisierungen, die sie erfanden, um ihre Handlungen zu legitimieren. All dies führte dazu, dass ich auf meinen Wanderungen Müll finde. Ich will mich über diese Entwicklung nicht zu sehr beschweren, sie hat mir dieses Leben ermöglicht und parallel dazu vernichtet sie die Existenzgrundlage der Menschen und vieler anderer Organismen. Zugegeben, nicht jedes Mal, wenn ich Müll sehe, denke ich an die beschriebene Ereigniskette, allerdings regt sich immer Ärger in mir.

Am Wegesrand finden sich daneben noch allerlei andere menschliche Dinge: Autos, Fahrräder, Stromtrassen, Häuser, Siedlungen usw. Sie prägen die Landschaft ebenso wie Felder, Wälder und Wiesen, schließlich beeinflussen wir alles davon. Diese Dinge ermöglichen mir, mir eine Vorstellung von den Menschen zu machen, die hier wohnen, ob sie reich oder arm sind, welchen Geschmack sie haben, an Hand aufgestellter Schilder wie sie zu Fremden stehen oder zu Tieren. Damit entsteht in meinem Kopf eine Landkarte der Gegenden durch die ich komme. 

Es sind also zwei Elemente, die mich am Draußensein besonders Faszinieren: Erstens, das Erleben der Landschaft und dessen Wirkung auf mich und zweitens, die Menschen und ihre Hinterlassenschaften, die zu mir sprechen und mir ermöglichen über die Menschen und ihre Einstellungen nachzudenken und mir ein Bild zu machen vom Zustand der Welt direkt vor Ort. 

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