Unverfügbarkeit und Naturerfahrungen

Das Konzept der Unverfügbarkeit geht mir schon länger durch den Kopf. Das gleichnamige Buch von Hartmut Rosa ist für mich ein Kondensat seiner Ideen zu Moderne, Resonanz und unserem Weltverhältnis. Wenn ich Draußen bin, über das Draußensein nachdenke, aber auch, wenn ich bestimmte Texte – wie die von Norbert Richter – lese, wabert Unverfügbarkeit durch meinen Kopf. Latent unterlegt es meine Wahrnehmung der Welt, dies ist mir vor kurzen beim Verfassen einer Rezension [#Link: instagram/SachbuchSalon] zu Unverfügbarkeit, klar geworden.

Was Unverfügbarkeit meint, ist nicht so leicht zu beantworten. Unverfügbarkeit ist für mich die Kontingenz einer Resonanzerfahrung, die wir mit der Landschaft, der Flora oder Fauna, aber auch anderen Menschen haben können. Hartmut Rosa wiederum bestimmt Resonanz als einen Beziehungsmodus, den wir nicht erzwingen können, dabei sei Resonanz durch vier Merkmale zu bestimmen (Rosa 2021:38): 1. Einen Moment bei dem mich mein Gegenüber berührt oder bewegt, Rosa nennt es den Moment der Affizierung. 2. Einen Moment meiner aktiven Antwort, beispielsweise als Emotion, der als Moment der Selbstwirksamkeit bezeichnet wird. 3. Eine solche Resonanzerfahrung bzw. Begegnung muss mich verändern oder, anders gesagt, es muss eine Anverwandlung (Rosa) stattfinden. Alle drei Elemente müssen vorhanden sein, ansonsten bleibe eine Beziehung beziehungslos. 4. Gibt es einen Moment der Unverfügbarkeit, also keine Garantie auf eine Resonanzerfahrung. Resonanz kann sich nicht erzwingen lassen; diese Kontingenz beschreibt Rosa mit Unverfügbarkeit. Mehr noch, je stärker wir die Resonanz erzwingen wollen, desto weniger wird es uns gelingen. (Rosa 2021: 38–44) 

Mich erinnert dieses Konzept an Martin Bubers Dialogphilosophie des Ich und Du. Dabei geht es um die Begegnung zwischen zwei Subjekten, die – findet eine Begegnung statt – eine Ich-Du-Beziehung eingehen können, ansonsten aber auf einer distanzierten Ich-Es-Beziehung verbleiben. Buber bezieht auch nichtmenschliche Lebenwesen und unbelebte Dinge in sein Konzept mit ein. In diesem Sinne ließe sich die Erfahrung der Begegnung bei Buber als Rosas Resonanzerfahrung verstehen. (Buber 2011) 

Sowohl Buber als auch Rosa beschreiben in meinen Augen eine Alltagserfahrung. Als Soziologie könnte es Rosas Anliegen gewesen sein, genau dies zu tun. Wer kennt nicht die Momente, in denen wir draußen stehen und von einem Ausblick umgehauen werden. Dabei ist es – mir zumindest – egal, ob es sich um ein Panorama über das Donautal, eine spezifische Pflanze oder eine spannende Höhle handelt. Manchesmal spricht mich beim Draußensein etwas an und bewegt etwas in mir – es rührt mich an. Doch an anderen Tagen, sei der Harz noch so wunderbar im Winter, lässt mich der Anblick kalt. Zwar kann ich darüber etwas melancholieren, doch das angefasst sein von meiner Umgebung, kann ich nicht erzwingen, es ist unverfügbar. Rosa Worte werden mir so viel klarer. 

Unverfügbarkeit ist allerdings auch das Moment, dass kommerziellen Interessen im Weg steht. Während Norbert Richter die nicht Verfügbarkeit der Landschaft mit ihrer Größe und die des Wetters mit dessen Kontingenz begründet, zielt er gleichzeitig auf die Unmöglichkeit von Resonanzerfahrung beim fremdbestimmten Premiumwandern. (Richter 2015; 2015a; 2017) Welt wird nicht mehr anverwandelt, sondern im Sinne eines touristischen Weltverhältnisses – und in Rosas Begriffen – verfügbar gemacht. Dies ermöglicht vielleicht, so Richter, eine „Verkitschung des Landschaftsverhältnisses“ (Richter 2017a), aber keine genuine Begegnung mit der Welt. Ob sich dies für den Einzelnen bzw. die Einzelne auch so anfühlt, sei mal dahingestellt.  Die Welt, zumal das Landschafts- bzw. Naturerlebnis verfügbar und zugänglich zu machen, wollen nicht nur Premiumwanderwege, sondern auch viele – im weitesten Sinne – Outdoor-YouTuber:innen und -Instagrammer:innen, mich eingschlossen. 

Dabei geht es um die Illusion, dabei zu sein, Draußen zu sein; hier wird die Sehnsucht von Menschen angesprochen und genutzt. Sicher spielt dabei auch Interesse eine Rolle oder der Wunsch unterhalten zu werden – das war vor allem beim sehr erfolgreichen Format von 7 vs. Wild so. Und doch wird hier, auf unterschiedlichen Ebenen versucht Naturerfahrung zu vermitteln – das muss im digitalen Format scheitern, denn die sinnliche Seite der Naturerfahrung, das Erleben des Nachts-draußen-im-Wald-Schlafens, ist in meinen Augen nicht vermittelbar, sondern nur erfahrbar. So muss auch der Vermittlungsversuch einer Resonanzerfahrung scheitern – auch hier auf diesem Blog. Und doch versuchen es Menschen immer wieder auf unterschiedlichen Wegen. In diesem Sinne mache ich den genannten Vermittler:innen auch keinen Vorwurf, auch wenn mich die Art der Kommerzialisierung nervt (das Zielpublikum aber anscheinend nicht, also: my bad).

Ein Vermittlungsversuch von Resonanz oder Unverfügbarkeit zielt immer darauf, diese Erfahrungen anderen zur Verfügung zu stellen, also verfügbar zu machen. Dafür macht Hartmut Rosa vier Dimensionen aus: Verfügbarmachen heißt dann erstens etwas sichtbar machen, zweitens, es auch erreichbar und damit, drittens, es beherrschbar zu machen. Von dieser Art der Weltbeherrschung (Rosa) geht es dann viertens um die Nutzbarmachung bzw. Verwertung des eigentlich Unverfügbaren. Diese vier Dimensionen sieht Rosa auch als Grundlage unserer modernen institutionalisierten Gesellschaft. (Rosa 2021:22–24)

Wenden wir diese vier Dimensionen auf unseren kleinen Bereich an, wird schnell deutlich, dass YouTube-Videos oder Instagram-Bilder die (unverfügbare) Landschaft sichtbar und für andere erreichbar machen sollen, damit beherrschen wir sie. Außerdem verwerten wir die Landschaft gleichzeitig, da wir entweder ökonomischen oder sozialen Nutzen aus der Verbreitung unserer Landschaftseindrücke ziehen.

Ich möchte niemanden anprangern, deshalb beziehe ich mich in diese Kritik explizit mit ein, aber mir ist wichtig, dass wir uns darüber im Klaren sein sollten, dass auch das Draußensein und in der Natur sein, nicht losgelöst von gesellschaftlichen Verhältnissen stattfindet. Und auch, dass die Outdoor-Szene durchdrungen ist von ökonomischen Interessen und der modernen Welt. Rosas Ansatz hilft aber gleichzeitig besser zu verstehen, was da draußen mit uns passiert und was uns so süchtig nach diesen Erlebnissen und Erfahrungen macht. Hier anzusetzen und zu versuchen anderen solche Erfahrungen zu ermöglichen, sollte das Ziel aller Outdoor-Angebote sein, doch – wie wir oben gelesen haben – ist das sehr schwer bis unmöglich, garantiert herzustellen. Unsicherheit wird also immer bleiben, auch bei nicht organisierten Wanderungen oder Naturerlebnissen. 

Aus der Lektüre Hartmut Rosas Unverfügbarkeit und der Reflexion über diesen Text plädiere ich dafür, selbst rauszugehen, unsere Neugier zu behalten oder wieder zu entdecken, Dinge auszuprobieren, die man vielleicht gelesen oder bei YouTube gesehen hat und sich auch immer wieder auf etwas Unbekanntes einzulassen. An all dem wachsen wir. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass die Überwindung in der Gruppe einfacher ist, dass die ersten Erfahrungen, draußen ohne Zelt zu schlafen, in Begleitung mir viele Sorgen nahmen. Das Unbekannte, was mich nervös machte, verschwand nicht, aber die Nervosität nahm immer weiter ab. Ich halte fest an dem Versuch Erlebnisse zu beschreiben, doch für mich ist Rosa auch immer ein Warner, die Dinge nicht zu verklären und in anderen keine falschen Hoffnungen zu wecken. In diesem Sinne: Geht raus, erlebt etwas, lasst euch ein, aber seid nicht leichtsinnig. 

Literaturverzeichnis

Hartmut Rosa (2021): Unverfügbarkeit. Berlin: Suhrkamp. 

Martin Buber (2011): Ich und Du. Stuttgart: Reclam. 

Norbert Richter (2015): „Premiumwandern (II)“. URL: http://wandern-denken.de/2015/07/premiumwandern-ii/, zuletzt abgerufen: 10.06.2022.

Norbert Richter (2015a): „Naturerfahrung und Selbsttranszendenz – Variationen über das Glück in der Natur“. URL: http://wandern-denken.de/2015/04/naturerfahrung-und-selbsttranszendenz-variationen-ueber-das-glueck-in-der-natur, zuletzt abgerufen: 10.06.2022.

Norbert Richter (2017): „Exploration und Konsum: Landschaftswahrnehmung beim Wandern“. URL:http://wandern-denken.de/2016/12/exploration-und-konsum-landschaftswahrnehmung-beim-wandern/ [Letzte Erweiterung: 15.03.2017], zuletzt abgerufen: 10.06.2022.

Norbert Richter (2017a): „Wo laufen sie denn? Kein Wanderboom und andere Trends“. URL: https://wandern-denken.de/2017/06/wo-laufen-sie-denn-kein-wanderboom-und-andere-trends, zuletzt abgerufen: 10.06.2022.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.